Als Vater auf dem Friedhof lag, ging ich durch die Mühle,
fand ihn noch in allen Ecken." Mit dieser einfachen, aber anrührenden
Empfindung eröffnet die Freiburger Autorin Gertrud Ennulat den Reigen
ihrer Erinnerungen an die Kindertage, die sie als Tochter des Ölmüllers in
Bretten verbracht hat. Die Autorin zahlreicher Sachbücher hat ihre
Rückbesinnung auf Jugend und Heimat, auf Eltern und Elternhaus in ihrem
jüngsten Buch "Die Ölmühle" in einer bemerkenswert sachlichen und
kühlen Sprache unternommen.
Damit werden Erinnerungen nicht von Gefühl und Überschwang
überlagert, der klare Blick wird durch nichts verstellt. Mit dieser
selbst gewählten Distanz erzielt Gertrud Ennulat Wirkung: Ihr Verzicht auf
das "ich", die Geschichten, die über "das Kind" erzählt
werden, geben dem Berichteten Objektivität und Gültigkeit. Die Kühle und die
Distanz hält die Autorin konsequent durch, auch wenn sie das intime Verhältnis
zu Mutter, Vater, Schwester und dem früh verstorbenen Bruder beschreibt. So
kann der Leser durch die Gefühlswelt des Kindes folgen, ohne befremdet zu sein,
ohne an Belanglosem Anstoß zu nehmen.
Der hohen Sprachkunst der Schreiberin und ihrer
außerordentlichen Beobachtungs-gabe gelingt es, trotz der Distanz ohne Spröde
Gefühlsbindungen sehr einprägsam zu vermitteln: Zum bewunderten Vater, der
offenkundig sehr geliebt wird, zur strengen, immer besorgten Mutter, zur
rivalisierenden älteren Schwester.
Da wird nichts verklärt, da werden die Dinge beim Namen
genannt und da wird geschrieben, wie sich die Welt um das Kind aus der Brettener
Ölmühle in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verändert: Wie das Öl als
kostbare Nahrungsquelle die Mühle bei den Nachbarn, bei den Bürgern im
Städtchen und bei den Flüchtlingen in den Mittelpunkt rückt, wie sie der
Hunger dorthin treibt, wie diese Position im Lauf der Jahre verloren geht, bis
eines Tages das Mahlwerk stille steht, weil kein Kraichgaubauer mehr mit seinem
Fuhrwerk kommt.
Die Welt der Brettener Ölmühle gerät aus den Fugen.
Gertrud Ennulat erinnert sich authentisch an Besatzungszeit, an Hunger, an
Flüchtlinge, ans Brotbacken, an die Herbstzeit mit Apfelernte, an den Winter
mit seiner herrlichen "Eiszeit" am Bach. Es sind sehr präzise und
genaue Schilderungen, die mit ihrer Treffsicherheit und Gültigkeit beim Leser
Echo finden, Vertrautes und Vergessenes wieder wecken.
Und in diesen Berichten schimmert auch das alte Bretten vor
fünf Jahrzehnten auf. Sehr behutsam und nicht aufdringlich. Kein
"fremder" Leser wird durch vorder-gründige, heimatliche Vertrautheit
ausgeschlossen. Aber der Weg ins Schwimmbad, die Eislaufzeit am Husarenbaum, der
Weg zum Bäcker ordnet die "Geographie", macht Episode um Episode in
dem Kleinstädtchen an Haus, Gasse, Feld und Wiese fest. So ist "Die
Ölmühle" auch ein Heimatbuch, ohne dass darin Heimat durch
Gefühlsüberschwang unkenntlich wird.
Es ist ein Buch, das die Wirren und den Alltag in einer Zeit wiedergibt, die sich atemberaubend rasch gewandelt hat. Dieser Bruch wirkt auf
eine kleine und überschaubare Welt. Die lässt seine tiefe Wirkung um so
klarer, einprägsamer und betroffener sehen. Man muss sicherlich "Die
Ölmühle" nicht gelesen haben, um den Aufbruch und den Neubeginn in der
Jugendzeit der Autorin zu verstehen, um Belang in scheinbar belanglosen
Erinnerungen zu entdecken. Aber man ist froh, wenn man das Buch gelesen hat, das
mit seiner unterkühlten Distanz soviel Nähe und Intimität vermittelt.