Bei den einen heilen sie – bei anderen
nicht
Las ich früher historische Fachbücher, um einen
Lebensabschnitt meiner Eltern besser zu verstehen, sind es seit einigen Jahren
Berichte von Zeitzeugen, biografische Aufarbeitungen. Und seit mich die
Beschäftigung mit den Neurowissenschaften in der Ahnung bestärkte, dass uns
Kindheitserlebnisse ein Leben lang begleiten, interessieren mich die Geschichten
aus den Jugendzeit meiner Mutter noch mehr. Denn auch sie sass in jener Zeit in
überfüllten Schutzräumen und irrte durch verwüstete Städte. Und auch sie wollte
nie darüber sprechen, ohne verhindern zu können, dass sich Gesicht und Körper
trotzdem mitteilten. Aber als Kind beurteilen, ob Eltern Heilung erfahren
durften?
Die Autorin dieses Buches ist selbst ein Kriegskind. Das
erleichterte ihr bestimmt den Zugang zu Menschen ihrer Generation, die sie zu
Wort kommen lässt. Allerdings gibt sie deren Erlebnisse nicht als längere
Geschichten wieder, sondern webt einzelne Sätze geschickt und sehr stimmig in
ihre persönlichen Betrachtungen ein. Mit diesem Konzept unterscheidet sich
Gertrud Ennulat von ähnlichen Büchern zu diesem Thema. Das Buch teilt sich in
vier grosse Abschnitte. "Das Dunkel weicht" thematisiert, weshalb und wie
emotionale Auseinandersetzungen mit Kriegserlebnissen heute häufiger sind. Im
zweiten Abschnitt "Die Last des Krieges" werden wir mit Erlebnissen in dunklen
Kellern vertraut gemacht, mit Gewalt gegen Frauen, mit Evakuierungen. Mit der
Frage "Wie haben wir das nur geschafft?" beginnt der dritte Abschnitt, in dem
wir vom Kampf um knappe Ressourcen, von widerstandsfähigen Kinder und
Kriegsvätern erfahren. Als Titel für den vierten Abschnitt wählte die Autorin
"Aussöhnung mit der Kindheit im Krieg". Hier erhalten wir Hinweise darauf, wie
die Auseinandersetzung zwischen den Generationen erfolgen könnte.
Mein Fazit: Wer dem Bedürfnis nachgibt, mit seinem inneren
Kind von damals Kontakt aufzunehmen, hat bessere Chancen auf Heilung seelischer
Verletzungen. Der Weg zum persönlichen Frieden muss nicht zwingend durch ein
Therapiezimmer führen. Es ist auch gut möglich, dass Erinnerungsarbeit durch
Erzählen etwas anstossen kann, das zu mehr persönlicher Freiheit führt. Schön
wäre es, wenn Kinder und Enkel von Kriegskindern durch die Lektüre dieses Buches
zum Fragen und Zuhören ermuntert werden.
Dr. Werner Fuchs, Zug (Schweiz)