|
|
|
|
Gertrud Ennulat
Leseprobe 1 Was erzählt ist, kann sich verändern Der Umgang mit Kinderträumen darf von ganz alltäglichem Charakter sein.
Manchmal genügen die wichtigen Wortwechsel zwischen Tür und Angel. Oft reicht es
aus, einem Kind einfach zuzuhören. Ich war in der Schule, aber da war niemand. Dann bin ich nach Hause, aber da war auch niemand. Dann hin ich in die Praxis vom Papa, aber da war auch niemand. Dann wollte ich zu Freunden, die waren nicht da. Auf der Straße fuhren keine Autos, es waren auch keine Menschen dort. Als ich aufwachte, dachte ich, die Mama ist bestimmt auch nicht da, da bin ich im Bett geblieben. Philipp belebt sich beim Erzählen, das Erlebnis des totalen Alleinseins in
der Welt war nun wenigstens mit einem Menschen geteilt, bedrückte ihn weniger.
Er hatte es einfach los und machte sich danach auch etwas weniger verschlafen
ans Anziehen, schaffte es auch, die Strümpfe allein anzuziehen, was für ihn eine
große Leistung darstellte. Ich war in der Stadt, aber da waren keine Menschen, ich konnte mir alles nehmen, was ich wollte, ich konnte es einfach klauen, das fand ich gut. Dann hin ich nach Hause, aber da war niemand. Danach ging ich zum Papa in die Tierpraxis, da war kein Mensch, da konnte ich dann ganz lange mit den Tieren spielen. Zunächst wollte ich seinen Traum etwas korrigieren, an den negativen Albtraum
annähern, doch dann verstand ich, was durch das Erzählen gestern in ihm passiert
war. Der mitgeteilte Traum hatte sich in seinem Gedächtnis verändert und weiter
entwickelt. Auf einmal war das Alleinsein nicht mehr mit dem Gefühl der
Verlassen-heit verbunden, denn der Junge war eher keck und unternehmungslustig
mit der Situation fertig geworden. Er nahm sich, was er haben wollte. Von der
Schule als Ort der Verlassenheit war nun auch nicht mehr die Rede, denn er hatte
ja durch mein Zuhören menschliche Zuwendung erfahren. Aber vor allem war es nun
möglich, in der Praxis seines Vaters die vielen Tiere zu entdecken, mit denen er
ungestört spielen konnte, sich auf diese Weise viel kuschelige Fellwärme
zuführen durfte. In seiner kindlichen Alptraumwelt war durch das Erzählen,
Mitteilen, eine Veränderung geschehen. Sein schlechter Traum musste nicht
schlecht bleiben, mit einem ihn lange belastenden Gefühlsinhalt; er konnte sich
anreichern mit anderen Qualitäten. Auf einmal stand ein unternehmungslustiges
Kind im Zentrum des Geschehens, das sich zwar allein, aber neugierig zu den
Tieren aufmachen kann, die ihm die Nähe geben, die es braucht. Anhand dieser sehr alltäglichen Szene wird klar, mit wie geringem Aufwand es möglich ist, einem Kind, das von einem Alptraum blockiert wird, entlastend zur Seite zu stehen. Die Transformation des Erlebens kann geschehen, weil sich das Kind in der Gegenwart eines Erwachsenen äußert. Auf diese Weise können Eltern und Erzieher viel beitragen zur seelischen Stabilität von Kindern. Leseprobe 2 Die Legende vom Dream-Catcher Da alles Wachsen eine Erweiterung des Daseins ist, ein Kind
unablässig Wachstumsprozesse durchläuft, ist die Angst vor den Veränderungen
ein häufiger Begleiter. So gesehen dokumentieren Alpträume mit ihrer großen
Dynamik dieses Geschehen und bereiten das Kind gleichzeitig darauf vor. Eltern haben es in Phasen, in denen das nächtliche
Aufschrecken des Kindes aus einem Albtraum auch ihren Schlaf beeinträchtigt,
nicht leicht. Der Wunsch, dem Kind beizustehen, meldet sich. Vor langer Zeit litt eine Familie große Not. Obwohl sie ein
gutes Seelenleben führten, waren ihre Nächte von schrecklichen Träumen und
Visionen heimgesucht. Der Vater wusste nicht mehr aus noch ein und nahm seine
Medizinpfeife und machte sich auf den Weg, um beim Großen Geist Rat zu suchen.
Still saß er in der Weite der Prärie, rauchte und hörte auf das Flüstern des
Windes. Als die Spinne dem Vater diese Dinge erzählte, hatte sie
angefangen, zwei Grashalme herauszureißen, um sie zusammen zu weben. Im Stamm der Navajo hängt die Mutter über das Bett eines
Kindes ein Traumsieb, um ihm eine Hilfe zur Traumverarbeitung zu geben. Die
guten Träume gelangen durch die Maschen des Netzes in die Welt als positive
Energien. Die schlechten Träume bleiben zunächst im Netz hängen, vergleichbar
den Fischen, die vom Netz des Fischers gehalten werden. |
|
Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser
Website an Webmaster:
flor@online.de
|