Im Umfeld von Kindern, die vor dem dritten Lebensjahr in den
Kindergarten kommen, taucht oft die Frage auf: Ist das nicht zu früh? Dadurch
fühlen sich vor allem die Mütter verunsichert. Offensichtlich braucht es ein
gehöriges Maß an Stehvermögen, um die großen Veränderungen, die im Bereich der
Bildungsarbeit mit kleinen Kindern im Gange sind, zu akzeptieren. Das gilt für
Väter und Mütter ebenso wie für die Erzieherinnen.
Für alle geht es darum, bisheriges Denken über Frühbetreuung zu überprüfen und
sich von Vorurteilen frei zu machen. Es ist ja noch nicht lange her, dass die
Arbeit der Krippen in der ehemaligen DDR von den westlichen Bundesländern
verteufelt wurde. Ein Staat, der Müttern zumutete, ihre Kinder frühmorgens in
der Krippe abzugeben, entsprach nicht dem hehren Ideal der guten Mutter. Doch
die Dynamik des gesellschaftlichen Wandels kümmert das nicht.
Umbruchzeiten sind gekennzeichnet durch ambivalente Kräfte,
die ins Neue treiben und zugleich Bisheriges bewahren wollen. Ins Spannungsfeld
dieser Kräfte gerät jeder, der sich mit Bildung und Betreuung im frühen Alter
auseinandersetzt. Dabei tauchen in der Diskussion emotional stark aufgeladene
Reizwörter auf, schließlich drückt Sprache Denkweisen und Gefühle aus. Müttern
wird der Vorwurf gemacht, sie würden ihr Kind abgeben. Unausgesprochen
heißt das, sie verlassen es, lassen es im Stich. Schuldgefühle beim Übergang in
eine Kita sind deshalb ein typisch deutsches Phänomen. Doch Mütter und Väter
sollten sich nicht als Rabeneltern titulieren lassen!
Eigentlich tun sie etwas ganz Natürliches, wenn sie einen
Teil ihrer elterlichen Funktionen an Personen abgeben, die für diese Übernahme
qualifiziert sind. Dem Verzicht auf die alleinige Verantwortung für das Kind
steht der Gewinn an Freiheit und beruflicher Kompetenz gegenüber. Warum aber
spürt die zur Arbeit fahrende Mutter einen Schmerz beim Anblick von Müttern, die
ihre Kinder spazieren fahren? Ihr wird in dieser Situation bewusst, dass sie
vielleicht nicht dabei ist, wenn ihr Kind weint, sie ihm nicht beistehen kann,
wenn es traurig nach ihr ruft. Im Laufe des Arbeitstages verändert sich zwar
ihre Stimmung, doch in den sensiblen Wochen des Übergangs kann sich diese
Eintrübung wiederholen. Dies gehört als natürlicher Bestandteil zu den
Erfahrungen von Abschiednehmen und Verlust, die Mutter, Vater und Kind, jeder
auf seine Weise, durchleben.
Abschiednehmen vom bisherigen Lebenszuschnitt
Die natürliche Antwort auf Verlust heißt Trauer. Sie drückt
das Lebensgefühl nach unten, ist selten gerne gesehen; doch hilft diese Emotion,
einen Verlust zu überwachsen. Mütter, Väter und Kinder erleben den Übertritt in
die Kita als einen gravierenden Einschnitt ihres Lebens. Der bisherige Rhythmus
des Alltags verändert sich, und der Aktionsradius des Kindes wird größer. Ängste
und Unsicherheiten melden sich, denn für einige Zeit sind Erwachsene und Kinder
Pioniere in einem neuen Land.
Bei allen Übergängen gibt es Turbulenzen im emotionalen
System. Wer dies als natürlich und gegeben nimmt, nicht meint, sich am Riemen
reißen zu müssen, der hat es schon fast geschafft. An manchen Tagen steigen
nicht nur beim Kind Tränen auf und weisen darauf hin, dass der
Verarbeitungsprozess im Gange ist. Warum sich nicht nüchtern eingestehen, dass
mancher nicht enden wollende Tag mit dem Kind zu Hause kein Zuckerschlecken war?
Es ist gut, die sehnsuchtsvollen Blicke auf Frauen, die im Berufsleben stehen,
nicht so schnell zu vergessen. Ich habe es mir doch so gewünscht, endlich wieder
in meinem Arbeitsbereich tätig sein. Nun ist es so weit!
Im Blickfeld der Anderen
Es dauert seine Zeit, bis der Besuch der Kita
selbstverständlich geworden ist. Anfangs überwiegt ein Gefühl der Fremdheit. Ein
heimlicher Blick auf den Vater, der sein Kind gebracht hat. Ein heimlicher Blick
auf die Begleitperson eines anderen Kindes. Ein heimlicher Blick auf die
Erzieherin als Fachfrau. Unweigerlich werden Vergleiche gezogen. Auf einmal wird
klar, das Kind ist zwar erst ein Jahr alt, doch durch den Übertritt in eine
öffentliche Einrichtung gerät es in den Blickpunkt der Anderen. Das Kind
quengelt, klammert sich an den Erwachsenen, dem ist das sehr unangenehm. Doch
dieses Gefühl gehört zur gesunden Scham im sozialen Interaktionsfeld.
Scham-Angst entsteht, weil es Müttern und Vätern nicht
gleichgültig ist, wie ihr Kind von anderen angeschaut wird und wie es im
Vergleich mit anderen dasteht. Plötzlich sehen sie es im Kontext anderer Kinder
und entdecken Unterschiede. Was die schon alles können! Was mein Kind noch nicht
kann! Durch die Scham wird das bisherige Bild, das ich mir von meinem Kind
gemacht habe, korrigiert. Es krabbelt nicht freudestrahlend auf die Erzieherin
zu, sondern bleibt auf dem Boden sitzen und nuckelt am Daumen. Doch wer die
Unterscheidungsmerkmale seines Kindes nicht als Mängel versteht, der spürt, wie
das beklemmende Schamgefühl weicht. Das Kind innerhalb seiner Grenzen
akzeptieren, denn in wenigen Tagen hat es schon wieder etwas Neues gelernt und
seine Grenzen ausgeweitet. Was ihm heute nicht gelingt, schafft es vielleicht in
ein paar Tagen. Wer auf diese Weise die Individualität seines Kindes achtet,
stärkt seine Identität als Mutter oder Vater. Da im Regelkreis der Emotionen
alle miteinander kommunizieren, profitiert vor allem das Kind davon. Es spürt
genau, wo Mama oder Papa innerlich stehen. Ob ein Kind sich auf das neue
Arrangement der Betreuung einlassen kann, hängt deshalb sehr stark von der
Haltung der Erwachsenen ab.
Verlust- und Trennungsängste
Bereits ab dem zweiten Monat zeigen Kinder Anzeichen von
Stress, wenn die wichtige Bezugsperson verschwindet und eine andere Person
erscheint. Ab dem achten Monat äußert sich diese Angst eindeutiger. Taucht ein
fremdes Gesicht neben dem vertrauten auf, wechselt der Blick des Kindes ständig
zwischen beiden hin und her. Es unterscheidet zwischen fremd und vertraut, fängt
vielleicht zu weinen an und wendet sich dann ausschließlich der Mutter/dem Vater
zu. Mit dieser Rückversicherung hält es die aufsteigende Angst vor dem Fremden
in Schach und beruhigt sich wieder.
Die Wiederkehr des Gewohnten gibt Sicherheit. Im ständigen
Kommunizieren vergleicht das Kind seine Empfindungen mit dem Erwachsenen. Beide
stimmen sich aufeinander ein, stimmen sich gegenseitig ab. Sobald dieses
Programm der inneren Abstimmung in Gang kommt, gewinnt ein Kind Vertrauen und
Sicherheit. Neugierig wagt es sich in den Raum, beobachtet andere Kinder, nähert
sich, macht nach, was andere machen und wird bei diesem Tun vom aufmerksamen
Blick der Erzieherin begleitet und erfährt diese als verlässlich und gut.
Trennungen sind schmerzhaft und können bei kleinen Kindern
wütenden Protest oder heftiges Schluchzen hervorrufen, aber auch wortlosen
Rückzug mit traurig gesenktem Kopf. Im Umgang mit Trennungsängsten helfen am
besten Rituale. Sie bilden die Brücke an den Schnittstellen des Alltags, wo es
von einem Bereich in einen anderen geht und Abschiednehmen nicht zu vermeiden
ist. Jeder Morgen in der Kita folgt demselben Ablauf: Die Mutter/der Vater zieht
ihr/sein Kind um; die Straßenkleidung kommt an den Haken, der sensible Vorgang
der Trennung ist im Gang. Der Erwachsene und das Kind fangen an, sich
voneinander zu lösen. Noch einmal ganz fest miteinander knuddeln, noch zwei
Bilderbücher gemeinsam anschauen, dann aber geht der Papa endgültig. Erst jetzt
taucht die Erzieherin auf, nimmt das Kind auf den Arm, stellt sich ans Fenster,
andere Kinder kommen dazu und alle winken dem Papa. Irgendwann stellt der Vater
erstaunt fest, sein Kind dreht sich nach dem Verabschieden gar nicht mehr nach
ihm um. Es hat den Übergang geschafft und weiß nun, mein neues Terrain ist so
sicher, dass ich dort ohne Mama und Papa sein kann.
Am Ende des Vormittags tauchen die Eltern wieder auf. Manche
Kinder sind müde, quengelig, weinen, sind bockig, wollen sich nicht anziehen
lassen. Nicht jedes Kind rennt freudestrahlend auf die Mama/den Papa zu, braucht
etwas Zeit für die Umstellung. Doch sobald alle Kleidungsstücke am Kind sind,
legt sich seine Erregung, denn der intensive Kontakt mit dem vertrauten Körper
des Erwachsenen beruhigt.
Die Erzieherin im Spannungsfeld
Auch sie bewegt sich im Spannungsfeld von Unsicherheit und
Angst und muss täglich die Grenzen ihrer Qualifikation erweitern. Da nur wenige
Kinder ihre Bedürfnisse verbal eindeutig äußern können, dominiert der Dialog
durch Blicke, Gesten, eine lebhafte Mimik, wortloses Verstehen. Wichtig ist ihre
körperliche und psychische Präsenz, authentisch sein im Hier und Jetzt.
Aufmerksam verfolgt sie das Geschehen in der Gruppe der Kinder, ist bereit, ein
Kind auf den Schoß zu nehmen, wenn es das braucht.
Die Erzieherin ist im ständigen Austausch mit den Kindern;
sie nimmt Störungen wahr, wartet ab, was sich entwickelt, staunt täglich neu
über die Entwicklungsprozesse dieser kleinen Individualisten, achtet auf die
konsequente Einhaltung der Rituale, weiß, wie schnell manches Kind
orientierungslos wird, wenn es nicht gehört hat, von wem es heute abgeholt wird,
sorgt für einen guten Rhythmus, sorgt für die körperliche Sauberkeit, damit kein
Kind zum Stinker in der Gruppe wird.
Zärtlich miteinander umgehen, Tränen aushalten, denn das
traurige Gefühl verändert sich meist dann, wenn der Erwachsene das weinende Kind
wahrnimmt und Mitgefühl ausdrückt. Wer ablenkt, nimmt das Kind in seiner
Befindlichkeit nicht ernst und vergisst, dass Weinen eine Form der
Selbstregulation ist und meist besser als stundenlanges Gequengel. Über das
Weinen findet das Kind aus der inneren Anspannung heraus und balanciert sich neu
aus.
Ich danke dem Kindergarten St. Nikolaus in Freiburg und
der Asquith Nursery Elizabeth Terrace in Eltham, London für Gespräche und
Hospitation.
TPS 7/06