„Anfangs hielt ich das nicht für normal. Ohne ersichtlichen
Grund laufen mir Tränen übers Gesicht, ich kann das nicht stoppen. Seit ich
weiß, womit das zusammenhängt, kann ich besser damit leben. Es klingt noch
ungewohnt, wenn ich als Mann sage: Es ist das Kind in mir, das weint. Aber es
ist so" Dieses Zitat stammt von einem nicht näher beschriebenen Mann, der
während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen ist und mit seiner Mutter fliehen
musste. Gertrud Ennulat, in Freiburg lebende Pädagogin, hat ihn in ihrem Buch
„Kriegskinder" zu Wort kommen lassen. Der Mann schildert dort auch seine
schlimmste Kriegserfahrung: „Die Soldaten hatten zuerst die Frauen gefilzt, die
mussten sich ausziehen, weil sie verdächtigt wurden, Schmuck zu schmuggeln. Dann
kamen wir Kinder dran. Ich musste meinen Rucksack ausleeren, und der Soldat nahm
mir einfach meinen Teddy weg. Dann heulte ich los vor Schmerz und wollte mich
wehren, wollte meinen Teddy wiederhaben, doch der Mann lachte mich aus, und
meine Mutter schlug mir mit der Hand auf den Mund und befahl: Sei still!"
Jahrzehntelang hatte der Mann dieses schlimme Erlebnis – der Verlust des Teddys,
die Angst vor den Soldaten, die Ohnmacht des Kindes, das Gefühl, von der Mutter
hart und ungerecht behandelt worden zu sein – verdrängt und verschwiegen.
Verständlicherweise. Er hat den Krieg überlebt, das Leben musste weitergehen.
Deutschland musste aufgebaut werden – da war vorausschauen, nicht zurückblicken
angesagt. Kein Platz mehr für Tränen über den Verlust von kindlichen
Seelentröstern, von Vätern und Geschwistern, kein Platz für Bilder von
zerbombten Häusern und verkohlten Spielkameraden. Doch die Erinnerungen der
Generation, die während des Zweiten Weltkriegs aufwuchs und seine Gräuel
mitansehen musste, waren nur verschüttet, nie verschwunden. Und nun wollen 14
Millionen deutsche Kriegskinder, die das Rentenalter erreicht haben, davon
erzählen, das Erlebte endlich verarbeiten.
Deshalb hat Gertrud Ennulat (Jahrgang 1941) ihr Buch geschrieben. Sie möchte
ihre eigene Generation, die bisher bei Ärzten, Therapeuten, in der eigenen
Familie und selbst in der Geschichtsschreibung „durch den Rost gerutscht ist",
ermutigen, die Wunden der Vergangenheit nun selbst zu heilen. Ennulat leitet aus
dem Erlebten auch eine Verantwortung ab: „Eine der wichtigen Aufgaben
verantwortlicher Großelternschaft besteht darin, Brücke zwischen Vergangenheit
und Zukunft für die Enkel zu sein." Ihr Buch ist darum eine Mischung zwischen
Erzählung und Ratgeber geworden; verständlich und einfühlsam formuliert, klar
gegliedert, informativ.
Am 23. Februar 1945 hat Ennulat den Bombenangriff auf Pforzheim erlebt. Als sie
mit ihrer Mutter durch die zerstörte Stadt lief, „habe ich als Kind den Schmerz
der Erwachsenen gespürt." Der dunkle Schleier lüftete sich erstmals 50 Jahre
nach Kriegsende – damals begann Ennulat, Luftschutzkeller zu malen.
Die Reaktionen auf ihr vor wenigen Wochen erschienenes Buch kommen von zwei
Seiten: „Die Kinder der Kriegskinder schreiben mir ihre Geschichten", sagt
Gertrud Ennulat. Bei den grau gewordenen Kriegskindern selber spüre sie viel
Erleichterung: Darüber, nun endlich eine Erklärung für den Schmerz und die
Trauer zu finden, die so lange wie ein Schatten auf der Seele lagen.
Heidi Ossenberg, Badische Zeitung vom 19. April 2008, S.
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