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DER SPIEGEL 1 2 / 2 0 0 8 vom 16.
März 2008, Seite 135-137:
GEDÄCHTNISFORSCHUNG
„Sie sind beste Kriegsware!"
14 Millionen deutsche Kriegskinder haben das Rentenalter erreicht. Viele von
ihnen verdrängten traumatische Erlebnisse, im Alter aber versagt der hemmende
Mechanismus im Gehirn.
Der Angriff der USA auf den Irak drohte, da hatte Gertrud
Ennulat einen Traum: „Ich stand im Flur, dort, wo wir die Tür ausgehängt hatten.
Dunkelschwarz war alles, und ich war ein Kind. Ich lief in meinem eigenen Körper
herum, ich schrie. Und plötzlich war ich wieder außerhalb - und mein Schrei war
ein Mucks."
Gertrud Ennulat, geboren 1941, wachte wie zerschlagen auf in dieser Nacht im
März 2003 und wusste, dass sie vom Zweiten Weltkrieg geträumt hatte.
Jahrzehntelang hatte sie verdrängt, was sie als Kind erlebt hatte. „Da waren so
viele Erinnerungen in mir. Und nach außen dringt nur ein kleiner Mucks."
Mit einem Mal war alles wieder da: der Zigarettengeruch ihres Vaters, der
Ölmüller war; die Bucheckern, der Mais, Mohn, Raps - alles, was die Bauern zur
Presse in die Mühle brachten. Und sie spürte die Panik, wie damals, wenn der
Vater zum Löschen fortmusste, weil rund um Pforzheim die bombardierten Häuser
brannten.
Die pensionierte Lehrerin hat ein Buch über die Rückkehr solcher Erinnerungen
verfasst und dazu auch die Geschichten von Freunden, Bekannten und Nachbarn
aufgezeichnet. Psychologisch belesen, ordnet sie die Erzählungen ein und
schildert, wie ihre Gesprächspartner mit der Wucht der Erinnerung zurechtkommen.
Ihr Bericht ist der jüngste einer relativ neuen Spielart persönlicher Rückschau:
Zeitzeugen beschreiben ihre deutsche Kindheit im Zweiten Weltkrieg - und die
späten Folgen des erfahrenen Leids. Erst seit einigen Jahren melden sich die
ehemaligen Kriegskinder zu Wort. Zu alt, um der 68er-Bewegung anzugehören, und
zu jung, um die Greuel der Nazi-Zeit zu verantworten, war ihre Generation nie
Gegenstand gesellschaftlicher Debatten. Es ist wenig bekannt über sie; 2002 erst
schlossen sich Historiker, Erziehungswissenschaftler, Psychologen und Mediziner
verschiedener Universitäten zusammen, um die durchgerutschte Generation zu
erforschen.
„Es geht ja vielen Menschen meines Alters wie mir", sagt Gertrud Ennulat.
„Urplötzlich tauchen die alten schlimmen Geschichten auf." Eine Freundin sieht
die vergewaltigte Mutter vor sich, eine Bekannte die von Phosphor
zerschrumpelten Nachbarn. Ein Mann denkt beim Räumen an die Vorbereitungen für
die Flucht aus Schlesien.
Es sei leichter, die Erinnerungen zuzulassen, weil die Enkelgeneration heute
ohne Vorbehalt und Anklage nach dem Krieg frage, sagen Historiker.
Es sei ein Gesetz des Alters, gegen Ende des Lebens auf die Anfänge
zurückgeworfen zu werden, erklären Entwicklungspsychologen.
Es sei, sagt Hans-Joachim Markowitsch, Neurowissenschaftler an der Universität
Bielefeld, auch die Folge eines Umbaus im alternden Gehirn: Die einstigen
Kriegskinder müssten sich nun an ihr früheres Leid erinnern.
14 Millionen Menschen der Jahrgänge 1930 bis 1945 leben noch in Deutschland.
Jeder vierte verlor im Krieg den Vater, jeder sechste ein Geschwister, 100 000
blieben als Vollwaisen zurück. Sie spielten in Trümmern und halfen, sie
wegzuräumen; sie tauschten Familiensilber gegen Margarine. Wie der Krieg und die
Jahre danach die Psyche dieser Kinder prägten, war lange kein Thema öffentlicher
Diskussionen. Debattierten Soziologen, Demokratietheoretiker, Psychoanalytiker,
Historiker und Ethiker über die NS-Zeit und deren Folgen, setzten sie sich mit
der kranken deutschen Gesellschaft auseinander - nicht mit den möglichen
Verletzungen deutscher Kinderseelen.

Autorin Ennulat (Foto: Friedel Ammann), Kind Ennulat (r) mit Eltern und
Schwester (1945):
"Mein Schrei war ein Mucks"
Gertrud Ennulat kam in die Schule, ins Gymnasium, in die Pubertät - und wenn
überhaupt vom Krieg die Rede war, dann von heldenhaften Kämpfen, Post aus der
Heimat, Lili Marleen und Gulaschkanonen. 1954 nahm der Vater sie mit ins Kino,
es lief „08/15", eine missglückte Satire über das aufregende Leben der Landser.
Sie wollte reden, der Vater schickte sie nach Hause und ging zum Frühschoppen.
Fünf Jahre später sah sie „Die Brücke" von Bernhard Wicki, den ersten deutschen
Antikriegsfilm, litt mit den 16-jährigen Wehrmachtssoldaten. Sie fand eine
britische Brieffreundin, engagierte sich für die Aktion Sühnezeichen, las die
Aufzeichnungen von Anne Frank, empfand Scham und Schuld. Nie holte sie der
Schrecken der eigenen Kindheit ein: die Bomben, die Toten, die Nächte im
Luftschutzkeller. Bis zu jener Nacht im März 2003.
„Dass die Erinnerung an das eigene Leid im Alter wiederkehrt, ist in der
Arbeitsweise des Gehirns angelegt", sagt Gedächtnisforscher Markowitsch. 85 000
Nervenzellen verliert es täglich. Im Alter zieht der Abbau die bekannten Folgen
nach sich: Der Mensch denkt langsamer, bewegt sich mühevoller und braucht mehr
Zeit, seinen Alltag zu bewältigen. Er verliert aber auch eine neuronale
Sicherung.
„Sekündlich prasseln Informationen auf uns ein", erklärt Markowitsch, „und unser
Gehirn ordnet permanent. Es gewichtet und unterdrückt, was uns das Überleben
erschwert." Im Gehirn eines alten Menschen aber werden diese hemmenden Netzwerke
immer löchriger; es verliert zunehmend Kapazität, die verdrängten Erinnerungen
zu zähmen. „Geschieht dann etwas Grausames, dringen die früheren grausamen
Erlebnisse ungebremst ins Bewusstsein." Oft lösen Nachrichten die bestürzenden
Rückblenden aus. Markowitsch, der seit Jahren über das „autobiographische
Gedächtnis" forscht, kennt viele, die wie Gertrud Ennulat im Vorfeld des
Irak-Kriegs mit Flash-backs reagierten.
Andere überkamen die inneren Bilder, als allerorten dem 60. Jahrestag des
Kriegsendes gedacht wurde. „Kämpfe in Tschetschenien, deutsche Soldaten in
Afghanistan: Der Abruf aus dem Gedächtnis ist grundsätzlich an Assoziationen
geknüpft", sagt Markowitsch. „Sehen wir im Fernsehen die Bilder, assoziiert
unser Gehirn die eigenen Erfahrungen."
Dann bricht manchmal auch längst abgelegtes Verhalten erneut hervor. Flüchtlinge
aus Ostpreußen fallen zurück in einst gelerntes Polnisch, ehemalige
Kriegsgefangene fühlen sich von unbekannten Polizisten in Uniform bedroht.
Gertrud Ennulat überkriecht heute Gänsehaut, wenn Sirenen heulen. Eine ihrer
Bekannten kaufte jahrzehntelang sorglos in Kaufhäusern ein. Nun plötzlich
bereitet ihr die Lebensmittelabteilung im Untergeschoss Platzangst wie ein
Bunker.
Jahrelang hatte das Gehirn gegen sich selbst gearbeitet. Denn gerade die
gefühlsgeladenen Erlebnisse der Kindheit lassen sich schlecht verdrängen. „Sie
sind elementar im Gedächtnis verankert, weil der Verstand sie noch kaum
einordnet, bewertet und zensiert", sagt Markowitsch.
Im Moment äußerster Furcht aber schaltet eine Art Steuerungszentrale im
Stirnhirn, dem Voraussicht, Planen, Urteilen und Handeln obliegen, in ein
Notfallprogramm: Die Gerüche, Geräusche und Bilder von Grauen und Schrecken
dringen nicht bis ins Bewusstsein vor, sondern verbleiben sorgfältig abgekapselt
im Unbewussten. Manchmal entstehen zusätzlich schützende Deckerinnerungen.
Gertrud Ennulat begriff während der Recherche für ihr Buch, dass sie 60 Jahre
lang die Wahrheit ausgeblendet hatte.
Als die französische Armee in ihren Heimatort einmarschierte, sah sie zum ersten
Mal dunkelhäutige Menschen. Von den Soldaten aus dem Protektorat Marokko
bewahrte sie folgendes Bild: „Meine Mutter steht mit mir, meiner Schwester und
einem Nachbarn ganz oben auf der Kellertreppe gegenüber dem Hühnerhof. Die
Marokkaner schlachten die Hühner, ich höre Gegacker, sehe Blut an den weißen
Hälsen, und unser Nachbar passt auf uns auf."
Inzwischen hat Gertrud Ennulat mit anderen, die im Keller waren, gesprochen.
Seither weiß sie: Die Erinnerung trügt sie nicht. Doch der Moment, an den sie
sich erinnert, war eingebettet in ein stundenlanges Drama. Die Soldaten drängten
auch in den Keller, wo sich die Frauen des Ortes mit ihren Kindern verbargen.
Die Frauen schrien und schmierten sich Dreck in das Gesicht, sie trugen
stinkende Kleider, um die marodierenden Männer abzuschrecken. Doch die Soldaten
griffen zu.
„Man hat lange gedacht: Ihr wart noch klein, das hat euch nicht geschadet",
meint Gertrud Ennulat. „Wie wir zu Bett gebracht wurden, wenn Luftangriffe
drohten! Fix und fertig angezogen." Die Kleider signalisierten Lebensgefahr.
„Wir wussten, nachts würde die Mutter kommen, einen packen, ab in den Keller,
und dort wurden wir gelobt, wenn wir nicht weinten und nicht aufs Klo mussten."
Heute gilt als Allgemeinwissen, dass den Menschen vor allem die frühen
Erfahrungen prägen. Zwar erinnern sich Kinder bewusst nur an das, was sie nach
ihrem dritten Geburtstag erleben; dann erst ist das Gehirn so weit gereift, dass
sie ein Gefühl für sich selbst und ihren Platz in der Welt entwickeln. Doch das
implizite Gedächtnis funktioniert bereits ab der Geburt: Die Panik auf der
Flucht, die Trauer der Kriegerwitwen, die Angst vor den Bombenangriffen sind
auch bei den damaligen Babys als Erfahrung verankert.
Viele ehemalige Kriegskinder erkranken im Alter an den lange verdrängten
Erinnerungen. Pensioniert, bilanzierend, oft allein und auf sich zurückgeworfen,
empfinden sie mit einem Mal Seelennot. Psychoanalytiker und Hirnforscher
sprechen von Traumareaktivierung: Das Gefühl, im Alter ausgeliefert und hilflos
zu sein, löse die Erinnerung aus an die Machtlosigkeit im Krieg.
Jeder 20. der über 63-jährigen Deutschen leidet an einer Posttraumatischen
Belastungsstörung und jeder dritte an Angst, Schlaflosigkeit, Panikattacken,
Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung - eine Hochrechnung. „Oft sind die Beschwerden
eine späte Folge des Dauerstresses im Krieg", sagt Markowitsch. „In
traumatischen Situationen überschwemmen Stresshormone das Gehirn und können
Hippocampus und Amygdala beschädigen, Schaltstellen für Gefühl und Erinnerung.
Das äußert sich manchmal erst im Alter."
Selten wissen die Patienten ihr Leiden einzuordnen. Hart und zäh geben sich die
meisten Kriegskinder bis heute. Studien zeigen, dass sie früh selbständig waren
und jetzt, alt geworden, niemandem zur Last fallen wollen. „Nimm dich nicht so
wichtig!" Diese Order aus Kindertagen ist bis heute Maxime.
Viele scheuen den Weg zum Psychologen, Psychoanalytiker oder Facharzt für
Nervenheilkunde - obwohl 15 Stunden Therapie reichen können, um Kummer,
Verzweiflung und schreckliche Träume zu lindern. Auch bei einem 80-Jährigen.
Viele Allgemeinmediziner wissen das nicht. „Wieso sind Sie krank?", fragte der
Hausarzt von Gertrud Ennulat einmal, er meinte es anerkennend. „Sie sind doch
beste Kriegsware!"
In ihrem Buch zitiert sie einen Mann, der lange nach den Ursachen für seine
Traurigkeit suchte. „Anfangs hielt ich das nicht für normal", sagt er. „Ohne
ersichtlichen Grund laufen mir Tränen über das Gesicht. Seit ich weiß, womit das
zusammenhängt, kann ich besser damit leben."
Ein Soldat hatte dem kleinen Jungen auf der Flucht den Teddy weggenommen. Der
Junge liebte seinen Teddy, das einzige Spielzeug, das ihn begleitete. Als er
weinte, lachte der Soldat ihn aus, und die Mutter schlug ihren Sohn mit der Hand
auf den Mund.
„Es klingt noch ungewohnt, wenn ich als Mann sage: Es ist das Kind in mir, das
weint", sagt er. „Aber es ist so."
Katja Thimm
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